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Mehr Resonanz wagen

Resonanz. Das Wort bringt schon Saiten zum Schwingen, wenn man es nur inwendig ausspricht. Vom lateinischen resonare, widerhallen, beschreibt es lautmalerisch, wie Dinge einen Klang zurückgeben, den sie empfangen haben.

Ein Autor beschreibt seine Erfahrungen mit Transzendenz als Resonanzerfahrung: als Echo auf seine Suche an den Rändern des eigenen Denkens und Wahrnehmens. Als Widerhall auf sein Rufen, als Gefühl, mit etwas anderem, wortwörtlich Unfassbaren, mitzuschwingen. Als Begegnung mit Gott.

Als ich das erste Mal den Resonanzkörper einer Harfe an mich herangezogen und ihre Saiten angeschlagen habe, da haben die Klänge etwas in mir zum Schwingen gebracht. Ich musste tief Luft holen, um den Widerhall auszuhalten - und ihn zu genießen.

Resonanz. Hartmut Rosa schreibt in seinem gleichnamigen Buch, Menschen strebten grundlegend nach resonanten Beziehungen. Resonanzachsen gibt es zwischen Menschen, zwischen Menschen und Dingen oder Tätigkeiten und zwischen Menschen und Natur, Kunst oder Religion. Gutes Leben gelingt, wenn die Resonanzbeziehungen zwischen Subjekt und Welt gelingen.

Resonanz. In Corona-Zeiten ist sie ein Schlüsselwort. Im Auf-Distanz-Gehen, in fehlenden Umarmungen, der Unmöglichkeit, in den Aurabereich eines Menschen einzutreten, im leeren Starren auf Bildschirme, in denen Resonanzachsen wie unter einer Glasglocke verschwinden, gehen lebensnotwendige Resonanzmöglichkeiten verloren. Ich rufe in die Welt und ahne allenfalls ihr stummes Echo.

Doch auch in Corona-Zeiten kann man Resonanzerfahrungen machen. Immer dann, wenn Menschen kreativ werden. Wenn sie Hilfe organisieren, wenn sie Musik für sich und andere machen, wenn sie zum Telefonhörer greifen, wenn sie miteinander philosophieren und über eine neue, bessere Welt nachdenken.

Nicht Entschleunigung ist die Antwort auf unsere Welt im Geschwindigkeitsrausch, sondern Resonanz. Die unter Corona-Bedingungen so viel seltener und damit so viel wertvoller gewordenen Resonanzerfahrungen sind, für mich, der letzte Beweis für die Richtigkeit dieser These.

Höher, schneller, weiter: Nach Corona ist vor Corona? Das wäre fatal. Retten wir die Erfahrung hinüber, wie tief es geht, wenn man in der Krise Sinnvolles tun kann und darf; wie erhebend es sich anfühlt, das erste Mal nach der Zeit der Entbehrung tief Luft zu holen, Freundinnen und Freunde zu treffen, berührt zu werden. Wie die kleinen Gesten und schlichten Erfahrungen den größten Genuss bereiten.

Resonanz, eine gelingende Beziehung zur Welt, bleibt letztlich unverfügbar. So wie das Göttliche unverfügbar bleibt. Aber sich dafür offen halten, sich grundlegend neu ausrichten und damit die Chancen erhöhen, dass die Welt einem nicht stumm entgegentritt, das kann man. Das ist eine der Lektionen, die Corona mich gelehrt hat.

Veronika Kabis


Foto: w.r.wagner  / pixelio.de  





Kommentare

  1. Ich habe diesen Text gelesen und fand das Thema ungewöhnlich und berührend. Ein wichtiges Lebensaspekt, worüber sich lange denken lässt. Die Resonanzbeziehungen zwischen Menschen gelingen meistens nicht, weil wir nicht genug achtung- und liebevoll miteinander umgehen. Wir sind meistens unbewusst, zu ungeduldig und engstirnig, negativ denkend. Dies verhindert massiv eine Resonanz. Im Grunde sind wir seelisch unterentwickelt. Aber immer wieder wenn wir einen besonderen Menschen treffen, dann wollen wir ihn instinktiv öfters mal sehen...

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